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Der rosa Winkel ist heute alles, was er damals nicht war: Er ist ein Symbol der Solidarisierung, des Mutes und der Vielfalt.

Liebe Gäste, liebe Freundinnen und Freunde

“Die Würde der angeblich anderen ist unsere Würde. Die Achtung der angeblich anderen ist unsere Achtung.” sagte Prof. Dr. Volkhard Knigge vor 2 Jahren im DNT Weimar zum Staatsakt.

Die Welt gedenkt 70 Jahre Befreiung Europas vom Faschismus. Mit dem 8. Mai 1945 endete nicht nur ein fast sechsjähriger Krieg in Europa, der von Deutschland vom Zaun gebrochen wurde und Millionen von Toten forderte. Mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht endete auch das zwölfjährige Terrorregime der Nazis in Deutschland und den besetzten Ländern. Es wurden konsequent und unmenschlich unzählige Menschen aus unterschiedlichen Gründen - der Herkunft, der Weltanschauung, der Religions-zugehörigkeit, mit körperlichen Beeinträchtigung oder der sexuellen Orientierung - verfolgt, verschleppt, ausbeutet, gefoltert und ermordet.

Die völkische Naziideologie bildete die Richtschnur für die Unterdrückung und Vernichtung von Millionen von Menschen, die nicht deren Weltbild entsprachen.

Sie wurden – denunziert, verfolgt, jäh aus dem Leben gerissen,  im Konzentrationslager in einen gestreiften Häftlingsanzug gesteckt und für jeden deutlich erkennbar mit einem rosa Winkel gekennzeichnet. Mit dem rosa Winkel wurden sie entwürdigt, gedemütigt und für alle sichtbar und angreifbar gemacht. Das ist ein Homosexueller, abnormal, wider die Natur, minderwertig, nichts wert, mit Füssen treten erwünscht.

Wir sind heute hier, um an die in Buchenwald inhaftieren Häftlinge mit dem rosa Winkel zu erinnern, ihnen zu gedenken und die ihnen genommene Lebensfreude zu feiern. Und von ganzem Herzen und mit Stolz ihnen ihre Würde wieder zu geben und diese zu verteidigen.

Schon im März 1933 waren die schwulen und lesbischen Kneipen geschlossen worden. Die gesamte Infrastruktur der ersten deutschen Homosexuellenbewegung, Lokale, Vereine, Verlage und Zeitschriften wurden aufgelöst, zerschlagen und zerstört.

1934 setzte die systematische Verfolgung homosexueller Männer ein. Die Gestapo begann Razzien und Massenverhaftungen homosexueller Männer durchzuführen. Hunderte wurden in Gestapo-Hauptquartiere verschleppt. Die meisten Betroffenen konnten mit strafrechtlichen Mitteln nicht verfolgt werden, strafbare Handlungen nach dem alten § 175 des Strafgesetzbuches konnte man ihnen nicht nachweisen. Dies führte dazu, dass Reichsjustizministerium und Gestapo innerhalb weniger Monate eine erhebliche Verschärfung des § 175 durchsetzten: Nun waren nicht nur „beischlafähnliche Handlungen“, sondern auch wechselseitige Onanie, Küsse und sogar erotische Blicke strafbar. Die Neufassung des Paragrafen wurde am 28. Juni 1935 beschlossen und trat am  1. September in Kraft. Am 1. August entschied das Reichsgericht überdies, dass das neue Recht auch rückwirkend angewandt werden könne –ein eklatanter Verstoß gegen das Rückwirkungsverbot. Nun wurden auch viele der im Winter 1934 und 35 verhafteten Männer, denen man keine nach dem alten Paragrafen strafbaren Handlungen hatte nachweisen können, verurteilt. Damit schufen die Nazis das juristische Instrumentarium, das die massive Verfolgung homosexueller Männer erst möglich machte. Über 100 000 Männer wurden polizeilich erfasst, rund 50 000 nach Paragraph 175 verurteilt. In der alten Bundesrepublik galt der verschärfte § 175 der Nazizeit bis 1969. So hatte die systematische Verfolgungsgefahr für Homosexuelle auch nach dem Ende des Dritten Reiches kein Ende.

"Mein Leben war grausam, aber ich bin immer davongekommen", fasst der alte Mann sein Schicksal lächelnd zusammen. Für das Interview in seinem kleinen Haus im elsässischen Mülhausen hat Rudolf ein rosa Hemd angezogen - zur Erinnerung an den "rosa Winkel", den er selbst und Tausende andere homosexuelle Häftlinge im Konzentrationslager tragen mussten. "Dies ist die Farbe, mit der uns die Nazis abgestempelt haben", sagt er ironisch. "Daher trage ich besonders gerne Rosa". sagte Rudolf Brazda  2010 in einem Interview

Rudolf Brazda war der letzte Zeuge der den "Rosa Winkel" trug. Als Homosexueller war er von 1941 bis 1945 im Konzentrationslager Buchenwald und überlebte diesen Horror durch viel Glück  und dank seines ungebrochenen Humors und Optimismus.

Uns gehen die Zeitzeugen aus!!! –

Wie können wir uns erinnern, wer hilft uns dabei? Vielleicht formen wir uns Bilder im Kopf – aus Filmen, Büchern und Erzählungen gemischt mit einem Gefühl aus Scham und Wut. Ich bin froh, dass es diesen Erinnerungsort gibt und stolz über Menschen die die Schicksale der Gestorbenen nicht vergessen wollen. Und ich bin dankbar, dass wir noch die Gelegenheit hatten von Rudolf Brazda zu lernen.  

Und so wie er wurde jeder Mann und jede Frau, das kann nicht oft genug gesagt werden, unschuldig Opfer in den Konzentrationslagern.

 

Rudolf Brazda hinterließ ein gehaltvolles Erbe, er schuf Öffentlichkeit für ein Tabuthema.

Der rosa Winkel ist heute alles, was er damals nicht war: Er ist ein Symbol der Solidarisierung, des Mutes und der Vielfalt.

Aber Homophobie ist kein Phänomen von gestern. Auf der ganzen Welt werden Menschen wegen der Abweichung von der Heteronormalität diskriminiert, ausgegrenzt und angegriffen.

Mehr denn je müssen wir gemeinsam daran arbeiten, Ungerechtigkeit zu verhindern, die immer noch Alltag ist.

Ganz aktuell sind wir dem Respekt und der Wertschätzung gleichgeschlechtlicher Liebe einen Schritt näher. Ich sage auch heute fordernd: Gleiches Recht auf Ehe für alle! Nein zu Homophobie und Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Liebespaare.
In Deutschland will eine breite Mehrheit, dass das diskriminierende Eheverbot für lesbische und schwule Paare endlich fällt und wünscht sich mehrheitlich die volle Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Liebe.

Es geht um eine Grundsatzfrage von Gleichstellung und Menschenrechten!

Von den Niederlanden über Argentinien, Südafrika bis jetzt Irland ist in 20 Ländern der Welt die Ehe für alle offen. Deutschland ist reif endlich nach zu ziehen.

Lass uns aber vor allem solidarisch sein mit den Lesben, Schwulen dieser Welt die immer noch für ihre Liebe staatlich verfolgt und mit Freihaltsstrafen bedroht werden.

Wir dürfen nicht müde werden – den Opfern zu Ehre.

Wir denken an euch Gestorbene und mahnen euch Lebende und tragen den Schwur von Buchenwald in unseren Herzen.

Aus dem Versprechen „Nie wieder“ muss die Tat „nie wieder“ werden!

Ich danke ihnen allen, dass sie da sind!!!